Aero-Club Bamberg e.V.
60 Jahre später – der letzte Flug des Mani Werth

22. April 1962. Die Berliner Mauer steht noch kein ganzes Jahr. John Glenn hat kürzlich die Erde umrundet, Nelson Mandela ist noch auf freiem Fuß. Wer in Bamberg die Eisenbahnschienen nach Osten überquert, findet sich in einer spärlich besiedelten Ansammlung von Gärten wieder, die mit ihren Schotterwegen, Hütten und Ackerflächen ein 60 Jahre später nicht mehr zu erkennendes Landschaftsbild bietet. Felder, wohin das Auge reicht – der Stolz der Bamberger Gärtner. Inmitten dieser Felder gibt es einen Flugplatz, der von den Piloten der US-Armee und vom Aero-Club Bamberg genutzt wird.
 

Specht D-1490
Specht D-1490


Auf der dortigen Segelflugstartbahn rollt um 18:47 Uhr ein gelber Specht mit dem Kennzeichen D-1490 los, bevor er langsam an einem Windenseil in die Luft geschleppt wird. Im hinteren Sitz der Fluglehrer Rudi Süss, im vorderen der 13-jährige Sohn der späteren Betreiber der Vereinsgaststätte, der heute seine Flugausbildung beginnt und zum ersten Mal selbst den Steuerknüppel in der Hand hält.
 

Mani am Specht
Mani am Specht


Der damalige Schüler Manfred Werth wird im Laufe der Jahrzehnte selbst Fluglehrer, Vorstand und schließlich Ehrenvorstand und sammelt mehr als 6.000 Flugstunden mit über 10.000 unfallfreien Starts und Landungen (von einem abgerissenen Phoebussporn abgesehen). Er bringt zahlreichen flugbegeisterten Menschen das Fliegen bei: Viele unserer dienstältesten und erfahrensten Piloten haben ihre ersten Segelflugstarts mit ihm geflogen und schwelgen heute noch in schönen Erinnerungen von diesen Zeiten. Als Wettbewerbspilot ist Mani erfolgreich und weit gereist; seine Flüge in Amerika, Südafrika, Namibia und Australien hinterlassen lebhafte Erinnerungen. Und sogar ein US PPL mit kanadischer Wasserflugerlaubnis befindet sich in der Sammlung seiner Lizenzen. Nach dem 11. September 2001 hat er die zunächst allen Ausländern entzogene US-Lizenz noch einmal wie gefordert in den USA verlängert.
 

Wie früher wird auch heute der Specht mit der Hand geschoben
Wie früher wird auch heute der Specht mit der Hand geschoben


Sein größtes Engagement galt jedoch dem Verein: Die Jahre seiner Amtszeit als erster Vorstand sind von gravierenden Herausforderungen, plötzlichen Änderungen äußerer Umstände und harten und riskanten Entscheidungen geprägt. Eine Lebensversicherung für den Verein war der Kauf von 32.000m² Grund, noch unter der Herrschaft der Amerikaner und dem Nato-Truppenstatut, von der Bundesrepublik Deutschland. Deshalb gehören heute alle Gebäude und Hallen dem Aero-Club. Den Fortbestand unseres Vereins haben wir zu keinem kleinen Teil der Führung von Mani Werth in jenen Zeiten zu verdanken. Auch nachdem er das Amt des ersten Vorstandes abgelegt hat, stand er all die Jahre stets bei Besprechungen und Verhandlungen mit Rat und Tat zur Seite. Seine juristische Expertise war oft gefragt.
 

Der Specht startet im F-Schlepp
Der Specht startet im F-Schlepp


Am 23. April 2022 rollt abermals ein gelber Specht mit dem Kennzeichen D-1490 los, diesmal wird er auf der Asphaltbahn von unserem Motorsegler D-KACD und dem 1. Vorstand persönlich in die Luft geschleppt, von starkem Seitenwind gebeutelt – der böige Wind lässt einen Windenstart nicht zu. Im hinteren Sitz der Flugzeugeigentümer und Fluglehrer Reinhold Ruß, im vorderen der 73-jährige Ehrenvorstand des Aero-Clubs, der heute seine fliegerische Laufbahn beendet und zum letzten Mal selbst den Steuerknüppel in der Hand hält. Es war nach eigenen Angaben ein richtiger Rodeoritt: „Der erste war ruhiger.“
 

Ein Prosit auf den Last Flight
Ein Prosit auf den Last Flight


Unter den vorherrschenden Windverhältnissen entscheiden sich die beiden Piloten des Hochleistungsspechts für einen kurzen Flug und eine Landung auf der Graspiste. Dafür wird der Abend in der Segelflugwerkstatt bei einer gemeinsamen Brotzeit mit Elsässer Crémant und Bier vom Fass mit seinen engsten Fliegerkameraden – unter ihnen auch Gerd Peter und Petra Lauer vom Aero-Club Lichtenfels – umso schöner; während der Ansprachen von Harry Gerlacher, Reinhold Ruß und Klaus Popp wird uns allen die Bedeutung dieses Moments bewusst.
 

Danke, dass du 52 Jahre lang Segelfluglehrer warst
Danke, dass du 52 Jahre lang Segelfluglehrer warst


Seine Segelfluglehrerkollegen danken ihm zugleich für seine 52 Jahre als Segelfluglehrer und seine vielen Jahre als Motorfluglehrer mit anerkennenden Worten und einem hochwertigem Brotzeitkorb.
 

Danke, dass du viele Jahre lang Motorfluglehrer warst
Danke, dass du viele Jahre lang Motorfluglehrer warst


Lieber Mani, dir gebührt unser herzlichster Dank für deinen unermüdlichen Einsatz für den Aero-Club Bamberg und wir wünschen dir alles Beste in deinem fliegerischen Ruhestand.