Nachdem ich schon die eine oder andere „Fly & Hike“ Unternehmung in den Alpen durchgeführt habe, will ich dieses Jahr mal wieder daran anknüpfen und mir ein neues Wanderziel setzen. Bislang habe ich mich auf Berge in direkter Laufumgebung von Flugplätzen beschränkt. Auf meinem ersten Flug nach Zell am See 2023 bin ich aber an den sehr prägnanten Leoganger Steinbergen vorbeigeflogen und habe mir angeschaut, wie ich denn eine Wanderung dorthin ansetzen könnte. Und siehe da: Der Einstieg zur Wanderung, auch die höchste Erhebung der Gruppe, das Birnhorn (2634 m), ist per Zug erreichbar. Die Verbindung ab der vom Flugplatz nächstgelegenen Station ist gut machbar. Also plane ich diese Runde, die mit ca. 18 km und über 1700 Hm eine der anspruchsvolleren Wanderungen werden kann, die ich bislang absolviert habe. Zudem sind die Wege teilweise als Alpine Steige ausgezeichnet, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind obligatorisch. Es gäbe auch die für den Berg äußerst markante Südwand, optional mit Einstieg auf über 2000 m – nach ein paar Bildern und Videos aus dem Internet sehe ich davon aber ab und bleibe bei der normalen Wanderung. Da bin ich mal gespannt, wie es wird! Als Flugzeug nehme ich die WT9, die ich schon sehr gut kenne – die Maschine ist schnell und sparsam, hat den für mich nötigen Stauraum und mit einer Tankfüllung sollten Hin- und Rückflug gut machbar sein. Eine kleine Einschränkung gibt es per NOTAM nämlich in Zell am See: Bis einen Tag nach meiner Wanderung ist Super Plus nicht verfügbar…

Los geht’s in aller Frühe am Flugplatz Bamberg. Ein wenig Motorflugzeuge-Tetris spielen, den Flieger tanken, packen und nochmal Wetter und NOTAMs checken und schon geht es gegen 6:20 Uhr los in Richtung 03. Anschließend wird auf den Südost-Kurs gedreht und im Steigflug auf FL055 FIS angerufen, um den Durchflug vom Luftraum Delta über Nürnberg zu beantragen. Schnell und unkompliziert werde ich an München Radar weitergeleitet, die auch für diesen Luftraum zuständig sind. Durchflug auf FL055 ist genehmigt, perfekt! Der Controller will im Small Talk noch geklärt haben, warum unsere WT9, eigentlich technisch ein UL, als Echo-Klasse zugelassen ist. Diese Frage wird an diesem Tag mehrfach gestellt werden… Beim Verlassen vom Delta geht es wieder zurück zu FIS und gleich weiter mit der Einholung vom Status der ED-R 144 und 138A. Beide Flugbeschränkungsgebiete sind inaktiv, also ist auch hier der Durchflug problemlos drin, wobei ich die 144 am Ende nicht nutze. Beim Luftraum Charlie über München sehe ich von einer Anfrage zum Durchflug ab – bereits auf lange Sicht kann ich sehen, dass ich den Anflugbereich vom Flughafen München durchfliegen würde und es bereits zu der Zeit ein beachtliches Verkehrsaufkommen gibt. Wie die Fliegen tummeln sich die Airliner und es ist interessant zu sehen, welche Wege so beflogen werden. Wenn man nämlich annimmt, dass die Airliner direkt und mit großem Abstand zur Luftraumgrenze den Charlie zum Flughafen durchfliegen, liegt man einigermaßen falsch. Die Maschinen kratzen an den Luftraumrändern und kommen von überall her in den Anflug hinein. Mit dem Hintergrundwissen zu IFR-Anflugrouten aus meiner AZF-Schulung komme ich am Ende zu dem Schluss: Lieber etwas Sicherheitsabstand zum Luftraum halten und die Grenzen nicht ausreizen, mit einer 600 kg Maschine spiele ich da in der falschen Gewichtsklasse… also nehme ich am Ende die Alternative – runter auf 3000 ft und „unterm Radar bleiben“. Hinter München geht es auf über 6000 ft hoch, um in die Alpen einfliegen zu können. Um keinen Konflikt mit der noch nicht zu hohen Bewölkung einzugehen, passe ich den Einflug etwas an – statt direkt über Lofer zu fliegen, wähle ich die Route über Unterwössen und Mühlau. Mein Wanderziel, das Birnhorn, ist beim Vorbeiflug noch in Wolken gehüllt, während die markanten Leoganger Steinberge ansonsten schon gut erkennbar sind. Der Anblick dieser massiven Gruppe ist beeindruckend und ich freue mich schon auf die kommende Wanderung. Kurz vor 8 Uhr rufe ich den Flugplatz Zell am See per Funk mit Meldung, dass ich bald den Meldepunkt November erreiche. Der Anflug auf den Platz erfolgt ohne weitere Herausforderungen auf die Piste 25. Anschließend den Flieger auf der Grasfläche abstellen, Landegebühr bezahlen, fertig. Die reine Flugzeit beträgt 1:44 h, kurz nach 8 Uhr kann ich mich auf die Wanderung vorbereiten. Am Flugplatz ist ansonsten schon ein wenig Betrieb, wobei ich der früheste Tourist sein dürfte.

Über die örtlichen Verkehrsmittel geht es dann zur Bahnhaltestelle Leogang-Steinberge. Bereits ab dem Startpunkt dominieren die Leoganger Steinberge das Horizontbild. Los geht es mit moderater Steigung durch das Ullach-Tal, bevor es dann direkt in den Anstieg zur Passauer Hütte geht. Dieser Abschnitt entpuppt sich als deutlich anstrengender, als ich es vorher erwartet hatte – über 1100 Hm geht es quasi permanent bergauf, Passagen auf gleichbleibender Höhe beschränken sich vereinzelt auf deutlich weniger als 50 m, bergab geht’s gar nicht.

Anfänglich befinde ich mich im Wald, der hier und da unterbrochen wird und das bereits sehr intensive Sonnenlicht reinlässt. Erst im Nachgang habe ich gesehen, wie hoch sich dieser Wald streckt – erst auf ca. 1500 m Höhe ändert sich die Vegetation und es wird deutlich luftiger. Das ist insofern schön, da ich dann abschätzen kann, dass ich die erste Passage bald geschafft haben sollte. Hier ist die Temperatur auch bereits etwas erträglicher, sodass auch das Sonnenlicht nicht weiter stört. Über einige einfache Kraxeleinheiten und Stufen (durchweg gut versichert) geht es mit tollen Ausblicken nach Süden auf die Glocknergruppe hoch. Auf ca. 1700 m passiere ich den Abzweig zum Lettlkaser, womit ich aus der Vorbereitung weiß, dass es nicht mehr weit zur Passauer Hütte sein kann. Und tatsächlich – nach ein paar weiteren Gehminuten öffnet sich plötzlich der Blick auf die Hütte, die in der Mittagsscharte (2033 m) liegt. Diesen Punkt erreiche ich nach ca. 1:45 h Gehzeit. Das Birnhorn ist weiterhin bewölkt, aber bis da hoch dauert es eh noch etwas. An der Hütte vorbei geht es in die Hochgrub – eine Gerölllandschaft mit zum Glück gut markierten Wegen, die anders schwer zu identifizieren wären. Für den Aufstieg zum Gipfel geht es in Richtung Kuchlnieder. Die Temperaturen hier oben sind inzwischen sehr angenehm und die gelegentliche Begehung von Schneefeldern kühlt zudem ab. Glücklicherweise waren bereits andere Wanderer vorab da, so dass ich den Spuren im Schnee folgen kann. Im stärker ansteigenden Gelände kommen immer mehr lose Stellen mit Schutt vor, weshalb dann der Helm aufgesetzt wird, den ich für die Tour als „must have“ bezeichnen würde. Über ein wenig Kletterei geht es dann hoch zum Kuchlnieder (2437 m), von wo auf sich tolle Blicke zur Passauer Hütte, aber auch zum Birnhorn hoch bieten. Und siehe da – die Wolken am Gipfel haben sich weitestgehend aufgelöst. Es gibt gerade so noch ein paar letzte Wolkenfetzen, deren Dynamik darauf schließen lässt, dass über die Südwand ein beachtlicher Wind heraufwehen muss.

Aber gar nicht lange gucken, weiter geht’s nach oben. Der Weg zum Birnhorn ist ab hier über teilweise versicherte Bänder verhältnismäßig einfach, gleichzeitig vom Ausblick nach Norden und Osten aber toll. Inzwischen ist es fast schon kalt, also schnell noch eine Weste überziehen. Nach ca. 45 min weiterer Geh- und Kletterzeit bzw. in Summe ca. 3:30 h erreiche ich das Gipfelkreuz auf 2634 m Höhe.

Der Blick von hier oben ist grandios, ist das Birnhorn doch innerhalb von 15 km die deutlich höchste Erhebung. Insbesondere nach Osten (Watzmann) und nach Süden (Großglockner) bieten sich tolle Ausblicke.

Im Tal geht der Blick bis zum Zeller See. Nach ein paar Minuten oben und einem Eintrag ins Gipfelbuch starte ich den Abstieg. Der Weg runter ist technisch gut machbar, jedoch sollten ein Helm auf dem Kopf, Trittsicherheit auf feinem Schutt und Schwindelfreiheit gegeben sein.

Die Stahlseile nehme ich als Sicherung gerne in Anspruch. Über den gleichen Weg wie beim Aufstieg gehe ich zurück und erreiche nach dem Runterklettern vom Kuchlnieder und dem Weg durch die Hochgrub dann schlussendlich wieder die Passauer Hütte. Nach einer kurzen Stärkung geht es weiter nach unten, diesmal ununterbrochen bergab, was eine nicht unbedingt geringere Belastung als der Aufstieg ist. Inzwischen ist es deutlich nach 12 Uhr und die Sonne brennt auf die südlich ausgerichtete Route. Je tiefer es geht, desto wärmer wird es. Auch mit Blick auf den Aufstieg bleibe ich dabei, dass der Abschnitt vom Ullach-Tal zur Passauer Hütte bzw. retour die meiste Anstrengung kostet. Umso schöner ist das Gefühl, wenn der letzte recht flache Abschnitt zur Bahnhaltestelle erreicht ist und man noch einfach etwas spazieren kann.

Nach 7 h sind 18 km, 1867 Hm und ich selber geschafft. Leider ist ca. 4 km vor Ende der Tour meine Uhr wegen Batterieproblemen ausgestiegen. Glücklicherweise fehlen aber quasi wirklich nur die paar km – die Hm sind komplett.
Am Flugplatz angekommen und auf dem Weg zum Flieger werde ich vom Startleiter abgefangen. Oh je, was habe ich angestellt? Glücklicherweise nichts – auch hier interessiert man sich nur für die Echo-Kennung auf der 600 kg Maschine. Das Flugzeug wird erstmal gelüftet – der Flieger gleicht einer Sauna und auch ich bin froh, die Wanderschuhe nun endlich ausziehen zu können. Schnell ein wenig aufgefrischt, Kraftstoffvorrat geprüft (mehr als ausreichend) und schon geht es wieder los. Der Wind hat gedreht, so dass es über die 07 rausgeht. Der Abflug geht nun wie geplant direkt über Lofer. In ca. 6000 ft fliege ich nochmal an den Steinbergen vorbei. Nach dem Grenzüberflug geht es wieder zu FIS. Insgesamt verläuft der Rückflug quasi gleich wie der Hinflug – in 3000 ft unter dem Charlie München durch, dann durch die inaktive ED-R 138A und in FL065 den Delta über Nürnberg durchflogen. Auch der Nachmittagslotse interessiert sich für die WT9 und deren Kennung. Anschließend geht es dann runter in Richtung Bamberg, um den Flug hier mit der Landung auf der 21 zu beenden. Der Flieger bekommt dann noch seine wohlverdiente (und dringend nötige) Wäsche und kann dann schlafen gehen.

Diese Wanderung war die deutlich anspruchsvollste, aber auch abwechslungsreichste, die ich bislang so mitgemacht habe. Die Tour ist eine Empfehlung wert und kann über die Passauer Hütte auch auf zwei Tage gestreckt werden. Helm, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind ein Muss, damit es auch Spaß macht und sicher ist. Auch fliegerisch hat es super geklappt, sowohl vom Wetter, als auch vom reinen Fliegen und der Zusammenarbeit mit FIS und Radar her. Wichtig am Ende sind sowohl in Bezug auf die Fliegerei als auch die Wanderung Zeitmanagement und Vorbereitung. Damit freue ich mich schon auf die nächste Runde, die ich irgendwann ansetzen werde…
